20 Jahre zu Fuß um die Welt

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Unterwegs auf der ehemaligen Ruta Nacional 3

Da an diesem Tag lediglich 40 Kilometer bis zu unserem nächsten Warmshowers Host vor uns lagen, machten wir uns erst Mittags auf den Weg. Wir wollten auf keinen Fall zurück auf die stark befahrene Ruta 3. Vorab hatten wir daher eine alternative Route gesucht und einen alten Teil der Ruta 3 (auf der Karte unter “Ex Ruta Nacional 3” zu finden) entdeckt, der fernab der neuen (aktuellen) Ruta 3 zu finden ist.

So radelten wir zunächst etwa 15 Kilometer bis zum anderen Ende der Stadt Bahía Blanca. Dort gelangten wir auf die ehemalige Nationalstraße. Wir wurden nicht enttäuscht und fanden eine immer noch ziemlich gut befahrbare Straße vor. Diese zierten an einigen Stellen zwar ein paar Schlaglöcher, aber dafür herrschte so gut wie kein Verkehr. Perfekt für eine entspannte Radtour.

Viel zu sehen gab es leider auch an diesem Tag nicht. Wir radelten ohne große Eile durch die eintönige Landschaft, während immer mehr dunkle Wolken am Himmel aufzogen. Wenige Kilometer vor dem winzigen Dorf Bajo Hondo bogen wir auf die Zufahrtsstraße, eine Gravelroad, ab.

+1 für die Pannenstatistik

Ungefähr 3 Kilometer vor unserem Ziel machte Ollis Reifen mal wieder ein uns inzwischen viel zu vertrautes Geräusch: Zzzzzzschhhhh. Der schuldige war mal wieder ein fieser kleiner spitzer Stachel. Mit diesen hatten wir auf den letzten paar hundert Kilometern bereits viel zu häufig Bekanntschaft gemacht.

Bajo Hondo – 155 Einwohner und ein verlassener Bahnhof

Nachdem der Reifen geflickt war konnten wir endlich die letzten Kilometer bis zu unseren Gastgebern Hector und Maggie rollen. Wir kamen zeitgleich mit einem Wolkenbruch am Haus der beiden an und freuten uns über unser perfektes Timing.

Überbleibsel aus einer anderen Zeit

Das Paar lebt seit etwa einem Jahr in dem 155 Einwohner zählenden Dorf auf einem alten Getreideumschlagplatz auf welchem neben zwei kleinen Häusern außerdem mehrere alte Silos stehen. Auf dem Gelände wurden auch die Ladungen für Eisenbahnwaggons gewogen. Wie auch in den umliegenden Dörfern fährt die Bahn schon lange nicht mehr und die Landwirtschaft wurde weitestgehend mechanisiert. So schrumpft Bajo Hondo, wie auch andere Dörfer der Region, immer weiter und viele Menschen wandern in nahe gelegene größere Städte wie Bahía Blanca ab. So stehen viele Häuser in dem Dorf heute leer.

Auch neben dem einfachen kleinen Haus unserer Gastgeber fanden sich Reste von Schienen sowie ein weiteres altes Haus, welches mittlerweile leersteht. Früher waren dort eine Küche sowie einige Arbeitsplätze der Mitarbeiter der Eisenbahngesellschaft untergebracht. Der heute komplett leere Raum wurde zu unserem Fahrradparkplatz und Unterschlupf für die Nacht.

Zunächst lotsten Hector und Maggie uns jedoch in die Küche ihres Hauses und boten uns eine Portion Spaghetti an. Da unser Frühstück schon eine ganze Weile her war freuten wir uns darüber sehr.

Zu Fuß um die Welt

Während wir aßen begann Hector von seinem Leben zu erzählen. Was folgte war der beeindruckendste Lebenslauf, welcher uns auf unserer Reise bisher, wenn nicht sogar in unseren Leben jemals, untergekommen ist.

Mit etwa 40 Jahren hatte er seinen Job bei der argentinischen Regierung an den Nagel gehängt und beschlossen, die Welt zu Fuß zu erkunden. So wanderte er 1995, mit einem kleinen Rollkoffer im Gepäck, in Buenos Aires los. Es ging für ihn in Richtung Norden. Zu Fuß durch Bolivien, Peru, Ecuador und auch durch, das Ende der 1990er von bewaffneten Konflikten geprägte, Kolumbien. Etwas später erreichte er Costa Rica, wo er sich für eine Weile niederließ und ein Hostel aufbaute.

Nachdem er dort einige Jahre Geld verdient hatte, ging es für ihn weiter zu Fuß durch Zentralamerika. Im Anschluss wanderte er durch Mexiko und durch Teile der USA. Als er New York erreicht hatte, flog er nach Europa. Auch hier ging es zu Fuß weiter. Das nächste Ziel: Immer gen Süden in Richtung Afrika.

Auch diverse afrikanische Länder erkundete er zu Fuß. Er erzählte von Begegnungen, bei denen Dorfbewohner ihn für einen Arzt hielten und er eine im Sterben liegende Frau heilen sollte. Davon, dass ihn in einem anderen Dorf Kinder steinigten wollten und er gerade so in einen Bus fliehen konnte. Und auch davon, wie er seinen kleinen kaputten Rollkoffer Kilometer um Kilometer durch die brennende Hitze hinter sich herzog.

Seine Geschichten wirkten dabei nicht prahlerisch. Immer wieder wollte er aufhören zu erzählen, damit wir öfter mal zu Wort kommen. „Nur noch eine Geschichte.“ sagte er an diesem Abend sehr häufig.

Allerdings hatten wir zu viele Fragen und wollten unbedingt mehr hören. So kamen wir immer wieder auf seine Reise zurück. Während fast jeder seiner Geschichten rührte er gedankenversunken in seinem Kaffee. Dabei merkte er irgendwann an: “Von meiner Reise ist mir heute nur noch meine Liebe zu gutem Kaffee und zu Maggie geblieben.” Tatsächlich war er einer der ersten Gastgeber in Lateinamerika, welcher uns leckeren Kaffee, statt Instantplörre vorsetzte. Dafür waren wir fast ebenso dankbar wie dafür, dass er seine Geschichten mit uns teilte.

Nachdem er jahrelang zu Fuß durch Afrika gewandert war, war es für ihn irgendwann wieder an der Zeit sich erneut niederzulassen. So begann er erneut ein Hostel, dieses Mal in Ghana, aufzubauen. Dabei lernte er Maggie, die heute seine Frau ist, kennen. Nachdem die beiden dort einige Jahre zusammen gearbeitet hatten, zog es ihn vor knapp zwei Jahren zurück nach Argentinien. In die Großstadt wollte er nicht mehr und landete so ein Jahr nach seiner Rückkehr zufällig in Bajo Hondo.

Dass seine Reise so lange dauert war niemals geplant. Dies habe sich einfach so ergeben. Heute ist er über 60. “Im nächsten Leben kaufe ich mir ein Fahrrad, dann geht das ganze vielleicht ein bisschen schneller”, fügte er grinsend hinzu.

Eine Fahrrad-NGO in einem rückwärtsgewandten Dorf

Zuhause fühlt er sich in Bajo Hondo, nachdem er rund 20 Jahre um die Welt gewandert ist, nicht wirklich. Er erzählte, dass der Versuch hier Fuß zu fassen und mit einer eigenen NGO etwas neues aufzubauen immer wieder an den Mühlen der Bürokratie scheitert. Entscheidungen würden stets “Morgen” oder “übermorgen” getroffen. Dies bedeute stets soviel wie: In drei Monaten oder (in den meisten Fällen) niemals. Die Menschen im Dorf seien zu rückwärtsgewandt. Alle sehnen sich nach besseren Zeiten zurück – jene, in denen die Eisenbahn noch fuhr und Bajo Hondo, so wie andere Dörfer der Region, aufgrund selbiger und der Landwirtschaft florierten. Für neue Ideen sei hingegen niemand offen, auch wenn durch diese Leben zurück in die Region gebracht werden könnte, fügte er hinzu.

So stößt er auch mit seiner NGO, welche sich für den Ausbau verlassener Bahnlinien zu Radwegen einsetzt, auf taube Ohren. Sein über 50-seitiges wissenschaftliches, perfekt aufgebautes, Konzept über Möglichkeiten den (Fahrrad-)Tourismus der Region zu stärken und diese zumindest etwas wiederzubeleben, findet entsprechend kaum Gehör. “Lieber beschweren sich alle für den Rest ihres Lebens darüber, dass alles schlecht ist und sie die Eisenbahn zurück wollen.” Dies wird jedoch niemals passieren.

So hat er nach einem Jahr unermüdlichen Versuchen und Vorschlägen zwar einige andere kleine Projekte und Ideen (z.B. Müll zu recyclen) im Dorf anstoßen und umsetzen können, das größere (Fahrrad-)Projekt wird jedoch immer wieder missachtet. Aus diesem Grund denkt er nun erneut über einen Umzug nach. Wohin es ihn nach all’ seinen Erfahrungen zieht, weiß er allerdings auch nicht so genau. Vielleicht gibt es nach so vielen Jahren on the road auch einfach keinen Ort mehr, an welchem man sich wirklich zuhause fühlt.

Der Bürgermeister

Da es draußen inzwischen nur noch leicht tröpfelte, machten wir noch einen Spaziergang mit Hector durch das winzige Dorf. Wir lernten unter anderem den Bürgermeister kennen, welcher verwundert darüber war, dass sich scheinbar tatsächlich Radfahrer in sein Dorf verirren. Sogar ohne ausgebaute Eisenbahnlinien.

Und ganz ehrlich: Zumindest wir sind von Hectors Konzept ebenso begeistert wie von der Idee auf alten Schienennetzwerken und durch die Ruinen alter Bahnhöfe Rad zu fahren. Eine alternative Route durch die Region, fernab der stark befahrenen Straßen, wäre für Radreisende als auch die Gegend ein Gewinn. Denn während wir in anderen Ecken Argentiniens, insbesondere nahe der Anden, vielen anderen Radreisenden begegnet sind, waren es an der Ostküste nur sehr wenige. Für viele geht es nicht in diese Region, selbst wenn sie (wie wir) nach Buenos Aires möchten. Scheinbar ist oftmals eine Fahrt mit Zug oder Bus die attraktivere Variante. Schade eigentlich.

Ein gemeinsamer Abend und abschließende Gedanken

Auf dem Rückweg sammelten wir gemeinsam noch Feuerholz, mit welchem wir später unseren Schlafplatz beheizten. Zuvor ging es jedoch zurück in die Küche der beiden, wo wir am Abend erneut gemeinsam aßen. Währenddessen quetschten wir Hector weiter über seine zwanzigjährige Reise aus.

An diesem Abend kamen wir erst sehr spät ins Bett. Das kleine Haus nebenan war sehr kalt und wir brauchten etwas, um das Feuer groß genug und unsere Herberge warm zu bekommen. Auch die Gedanken, die noch in unseren Köpfen herumschwirrten, mussten erst einmal vor dem Schlafen gehen sortiert werden. Selten hatte uns jemand so sehr beeindruckt.

Rückblickend sind wir daher extrem froh, dass wir uns für einen sehr kurzen Tag auf dem Rad und eine Warmshowers Anfrage in dem winzigen Dorf entschieden hatten. Denn schnell voranzukommen ist uns definitiv weniger wichtig als sich Zeit für solche Begegnungen zu nehmen. Auch wenn wir vorher natürlich, wie immer, nicht ahnen konnten, wer uns in Bajo Hondo erwartet.

Und sagen wir mal so: Auch wenn wir keine Ahnung haben, wann es uns wieder nach Hause zieht, sind wir mit Fahrrad immerhin schneller als zu Fuß.

Comments 1

  1. Fango-Packung – THE ROAD IS LIFE
    Reply

    […] der 72 heute fast ausgestorben wären. Das Schicksal der Ortschaften war ein ähnliches wie das von Bajo Hondo. Seitdem die Eisenbahn vor über 10 Jahren ihren Betrieb eingestellt hatte, waren die meisten […]

    3 Juli, 2019

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