Das Herz Lateinamerikas: Die Menschen in den Dörfern

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10.09.2019 – 21.09.2019

Chaco – Tag 6

Erneut hatten wir unsere Räder bereits um 7 beladen und machten uns nach einem mickrigen Frühstück auf den Weg. Dieser führte uns nun weiter auf der RN 81.

Nachdem wir die Landschaften des Chacos in den Vortagen auf der RN 86 sehr genossen hatten, schien uns dies inzwischen sehr eintönig und langweilig. Zumal die Strecke der Tage zuvor definitiv die schönere war. Die 81 hingegen bot vor allem zwei Dinge: Eine fast durchgehend gerade Straße (über hunderte Kilometer) und links und rechts davon keine Aussicht, da diese von Büschen versperrt wurde. Wir befanden uns in einem, quasi niemals enden wollenden, Tunnel. Immerhin waren auch hier kaum Autos unterwegs. Die Bananen-Pause konnte man so auch einfach mitten auf der Straße stehend einlegen:

Während der Mittagspause beschlossen wir daher, dass es mal wieder an der Zeit ist zu versuchen zu Trampen. Einen eher kurzen, erfolglosen Versuch später fuhren wir weiter bis Laguna Yema. Die 85km bis dorthin hatten wir, trotz zwei Pausen, bereits vor 13 Uhr abgefrühstückt. Trotz der frühen Uhrzeit entscheiden wir nicht weiter zu fahren und es erneut mit Autos anhalten zu versuchen. Nach zwei weiteren erfolglosen Stunden in der prallen Sonne geben wir auf.

Da sich auf iOverlander in der Region für unseren Geschmack zu viele Einträge von Reisenden befinden, die beim Wildcamping von bis unter die Nase bewaffneten Narco-Cops gebustet wurden und Nachts ihr Zelt abbauen mussten (die Drogenschmuggel Route in Richtung Paraguay und Bolivien lässt grüßen), entschieden wir uns dafür eine billige Unterkunft für die Nacht zu suchen.

Chaco – Tag 7

Immer noch lagen hunderte Kilometer der gleichen Landschaft vor uns. Wir schmiedeten daher einen Plan: In den nächsten Tagen früh fahren, Kilometer für den Tag bis Mittags radeln und es, wenn die Hitze am Nachmittag unerträglich wird, einfach weiter mit per Anhalter fahren versuchen.

Entsprechend radelten wir erneut bis zum nächsten Ort (ca. 75km) und stellten uns dann wieder an die Straße. Kurz bevor wir auch an diesem Tag aufgeben wollten fuhr ein Auto auf den Parkplatz der gegenüberliegenden Tankstelle. Ein alter Mann, der sich später als Alejandro vorstellte, stieg aus und winkte uns zu sich.

Alejandro sagte, er könne uns zumindest bis zu einem der nächsten Orte mitnehmen, auch wenn dies nur ca. 80km seien. Da dies für uns ansonsten trotzdem etwa einem Reisetag auf dem Rad entspricht, freuten wir uns sehr darüber. Als er den Kofferraum seiner Karre öffnete schwand unsere gute Laune jedoch direkt wieder, denn dort befanden sich dutzende Kisten mit Mate-Gefäßen, Gürteln und vielen anderen Produkten, die der nette Herr in der Gegend verkauft. Das passt doch niemals!

Zu unserer Überraschung passte es am Ende dann doch. Zumindest nachdem wir zu dritt einmal das gesamte Auto umgeräumt hatten. Wir waren verblüfft, wie viel Mühe sich dieser Mensch machte um zwei Radfahrer mitnehmen zu können. Während der Fahrt erzählte Alejandro, dass der Verkauf von Produkten nur sein zweiter Job sei. Eigentlich sei er Philosophie Professor, aber das Gehalt als Professor so gering, dass er sich ein zweites Standbein aufgebaut habe.

Eine spontane Einladung

Auf dem Weg bot Alejandro uns sogar noch an, bei ihm Zuhause zu übernachten. Auch dies nahmen wir dankend an und konnten die uns entgegen gebrachte Gastfreundschaft mal wieder kaum fassen. Während wir mit Alejandro und seiner Mitbewohnerin zu Abend aßen, fragt er: “Ihr habt doch keine Lust mehr auf der 81 weiter zu fahren, oder?” Wir bestätigten dies. Darauf hin folgte ein weiterer, für uns kaum zu fassender, Vorschlag: Zwei Tage später müsse er ohnehin nach Salta fahren und könne uns gerne weitere 300km bis zur Abzweigung nach Jujuy – unserem Ziel nach der Chaco-Etappe – mitnehmen.

Wir überlegten daher laut uns für eine zweite Nacht im Ort einzumieten, um dann am darauffolgenden Tag mit Alejandro weiter zu fahren. Dies schmetterte er direkt ab: Dies käme gar nicht in Frage! Wenn wir wollen, sollten wir einen weiteren Tag bei ihm bleiben und ihm stattdessen lieber etwas Spritgeld zur Fahrt dazu geben statt dieses in eine Unterkunft für die Nacht zu investieren.

Wir sagten erneut zu, verbrachten einen weiteren Tag mit unseren beiden super lieben Gastgebern und bedankten uns am zweiten Abend mit viel selbstgemachter Pizza. Alejandro freute sich riesig darüber und öffnete die letzte Flasche seines Lieblingsweins, der er alle paar Monate hunderte Kilometer entfernt von seinem Zuhause, kaufte. “Den müsst ihr unbedingt probieren, auch wenn ich ihn eigentlich noch aufbewahren wollte!”

Mit Alejandro raus aus dem Chaco: “Der Besitz besitzt. Er macht die Menschen kaum unabhängiger. ” – Nietzsche

Wir beluden Alejandros Auto an diesem Tag bereits vor Sonnenaufgang. Auch an diesem Tag mussten nicht nur unsere Räder, sondern ebenfalls seine Produkte, untergebracht werden. So spielten wir bereits um 5 Uhr morgens eine runde real-life-Tetris.

Vollgepackt bis oben hin fuhren wir gegen halb 6 aus aus dem kleinen Ort namens Coronel Juan Sola. Für die 300 Kilometer bis zur Abzweigung nach Jujuy, wo er uns absetzte, brauchten wir bis ca. 13 Uhr, da Alejandro auf dem Weg noch einige Stopps zum Geld eintreiben für bereits gelieferte Produkte eingeplant hatte.

Unterwegs erzählte er uns irgendwann, warum er es so spannend fand Zeit mit uns zu verbringen: Er habe sein ganzes Leben lang die Werke von Nietzsche verschlungen. Während der Gespräche mit uns sei ihm bewusst geworden, dass wir laut Nietzsches Definitionen zumindest fast komplett frei seien. Ausschließlich die wenigen Kartons an Besitz, welche wir zuhause noch eingelagert haben (ein paar Kleidungsstücke, Werkzeuge zum Arbeiten in Ollis Fall, sowie einige persönliche Erinnerungsstücke), würden uns von der kompletten Freiheit trennen.

Unsere Räder und wenigen Besitztümer unterwegs zählten für ihn nicht, da diese uns in seinen Augen auch Freiheit ermöglichen würden. Auch darüber hinaus führten Alejandro und ich die gesamte Fahrt über sehr interessante Gespräche, verglichen das argentinische und deutsche Bildungssystem, unterhielten uns über interkulturelle Räume und Begegnungen sowie viele weitere gesellschaftliche und kulturelle Aspekte. Die Autofahrt verging so wie im Flug – zumindest für uns beide. Für Olli, der vor sich hin döste und nicht so viel verstand sah dies eventuell anders aus.

Angekommen an der Abzweigung in Richtung Jujuy luden wir unsere Räder von Alejandros Auto und verabschiedeten uns. Für ihn ging es weiter nach Süden (Salta), während wir auf der RN 66 in Richtung Westen und San Salvador de Jujuy abbogen.

Einige Kilometer hinter der Stadt – in San Pablo los Reyes – hatten wir bereits einen Couchsurfing Host für ein paar Nächte ausfindig gemacht. So blieben uns an diesem Nachmittag noch knapp 60 Kilometer auf dem Rad.

Die Strecke war nicht sonderlich schön und, zumindest nahe der Stadt Jujuy, eher stark befahren.

Der beste Couchsurfing Host der Welt

Etwa 20 Kilometer vor unserem Ziel kontaktierten wir Luis, unseren Host, um kurz bescheid zu sagen, dass wir in ca. einer Stunde bei ihm vor der Tür stehen würden. Hier ahnten wir bereits, dass uns der nächste unglaublich herzliche Mensch erwartete. “Ich kann euch auch abholen. Wo seid ihr?” kam innerhalb von Sekunden via WhatsApp zurück. “Schon gut, wir sind heute schon genug Auto gefahren und fahren den Rest gerne mit dem Rad” antworteten wir und radelten die letzten Kilometer bis zu seinem Haus.

Angekommen an Luis wunderschönem Haus und Grundstück wurden wir wie Familienmitglieder von ihm, seinen drei Hunden sowie zwei weiteren Couchsurfern aus Spanien mit Eis sowie Bier begrüßt.

Luis war noch unglaublicher und wunderbarer als wir uns jemals gewagt hätten zu erträumen. Die Zeit bei ihm lässt sich nur schwer in Worte fassen. “Es gibt wunderbare Couchsurfing Hosts und es gibt Luis, den besten Host der gesamten Galaxie” trifft es vielleicht annähernd. Wir fühlten uns direkt wie seine Kinder, Enkel oder auch beste Freunde.

Wir blieben wesentlich länger als geplant, aßen jeden Mittag und Abend gemeinsam (Mittags brachte er immer Essen mit, Abends waren die Gäste mit Kochen an der Reihe), bekamen zu jedem Essen besten argentinischen Wein oder Bier vorgesetzt, quatschten bis spät in die Nacht und trafen dort noch weitere Gäste (Luis nimmt bis zu sechs Couchsurfer gleichzeitig auf).

Besonders herzzerreißend war das Ritual, welches nach jedem Essen folgte: Luis teilte sich nämlich mittags als auch abends einen Obst-Teller mit seinen drei vierbeinigen “Kindern”, den Hunden. Und das Teilen nahm er absolut ernst: Jede Banane, jede Orange oder auch anderes Obst wurde in vier exakt gleiche Teile geschnitten. Jeweils einer für seine Hunde Max, Otto und Ralf sowie ein vierter für sich selbst. Doch damit nicht genug: Immer, wirklich immer, wenn der Teller geleert war, blieben seine Hunde noch sitzen und Luis Herz wurde weich. Mit den Worten “Naaa gut, eins noch” holte er eine oder zwei weitere Bananen oder Orangen, die ebenfalls noch geteilt wurden.

Da unser argentinischer Kumpel Ariel, den wir in Necochea kennengelernt und später in La Plata besucht hatten, gerade ebenfalls in der Region mit seinem Rad unterwegs war, fragten wir Luis letztlich, ob wir bei ihm auf Ariel warten und ein paar Tage länger bleiben könnten. “Ich hab euch doch schon gesagt, dass ihr auch bis 2021 bleiben könnt, wenn ihr wollt, das meinte ich ernst! Und sagt eurem Freund, dass der auch hier schlafen kann.” war die Antwort.

Nach etwa einer Woche verließen wir Luis und radelten gemeinsam mit Ariel weiter. Selten fiel uns der Abschied so schwer wie der von unserem argentinischen Opa mit dem wir seit unserem Besuch immer noch Kontakt haben. Seitdem haben wir mehrfach darüber nachgedacht wieder umzudrehen und zurück nach Argentinien zu fahren oder zu fliegen, einfach um Luis erneut zu besuchen, aber: die Reise muss soll ja auch weiter nach Norden gehen. Eins ist jedoch definitiv klar: Der winzige Ort bei Jujuy steht nun ganz oben auf der Liste, wenn wir irgendwann noch einmal nach Argentinien kommen.


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