Der Mann vom Supermarkt

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Laraquete – Ramadillas

Nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf half nur eins: sehr viel Koffein! Während wir große Mengen Kaffee in uns hinein kippten, beobachteten wir, wie die minderjährigen möchtegern Gangster, welche zumindest mich fast die ganze Nacht mit ohrenbetäubender Musik wachgehalten hatten, schon wieder die Boxen so laut wie möglich aufdrehten und erneut begannen, Alkohol in rauen Mengen in sich hinein zu schütten. Entsprechend war klar: Sobald das Koffein-Level in unseren Körpern ausreicht müssen wir schnellstmöglich weg.

Immer noch etwas zerknittert, aber immerhin etwas wacher, bestiegen wir am späten Vormittag wieder unsere Räder. Aufgrund der vorhergehenden Nacht hatten wir jedoch keine große Motivation an diesem Tag ernsthaft Strecke zu machen. Entsprechend war unser einziges Ziel: Raus aus Laraquete, ganz entspannt irgendwo hinrollen und einen ruhigen Platz zum Rumhängen, Kochen und Schlaf nachholen suchen.

Es ging zurück auf die Autobahn 160, wie immer, weiter in Richtung Süden. Zu unserer Freude war diese südlich von Laraquete nicht mehr so stark befahren. Dies lag vermutlich an zwei Faktoren: Einerseits war Sonntag und andererseits lag nun auch das Ballungszentrum der Großstadt Concepción, inklusive angrenzender Industriestädtchen, wieder weit hinter uns. So gehörte die zweispurige Autobahn an diesem Tag uns fast alleine. Hin und wieder düste ein Fahrzeug an uns vorbei, wobei diese uns stets sehr viel Platz in Form des Seitenstreifens plus der kompletten rechten Spur ließen.

Nach ein paar Kilometern entdeckten wir mal wieder zwei weitere Radreisende, welche uns auf der anderen Seite entgegen radelten. Wir fuhren, uns darüber freuend nach vielen Tagen mal wieder Gleichgesinnte zu entdecken, laut „Hola“ rufend langsam aneinander vorbei. Aufgrund der Betonschutzwand in der Mitte der Autobahn war es aber leider unmöglich auf einen Schnack zu stoppen.

Rund 20 Kilometer südlich von Laraquete erreichten wir das Dorf Ramadillas. Wir beschlossen von der Autobahn abzufahren, da wir immer noch müde waren und zudem am Himmel dunkle Wolken aufzogen. Entsprechend schien es eine gute Option, fernab der Autobahn in der Umgebung des Dörfchens nach einem Campingplatz ausschau zu halten. Zunächst stoppten wir jedoch am ersten Supermarkt des Ortes, um unsere Essensvorräte aufzufüllen.

Während Olli mit unseren Rädern draußen wartete, begab ich mich in den kleinen Laden, um ein paar Zutaten für unser Mittag- sowie Abendessen einzukaufen. An der Kasse kam ich mit dem Besitzer, einem netten älteren Herren, ins Gespräch. Wie so oft erwarteten mich neugierige Fragen zu unserer Reise. Nachdem seine Fragen geklärt waren, wollte ich wissen, ob er irgendwo am nahegelegenen Fluss Cayucupil einen Ort kennt, an welchem wir gut unser Zelt aufschlagen können. Er antwortete: „Es gibt da einen Campingplatz…“ und stoppte seinen Satz sofort wieder. Nach dem grausigen Campingplatz in Laraquete schoss mir derweil durch den Kopf: „Nicht so ein bis oben hin zugemüllter Platz voller nervigen lauter Menschen. Gibt es da nicht eine hübsche Wiese ohne Infrastruktur und ohne Zaun?“


Bevor ich irgendetwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Aber eigentlich ist das gar keine gute Option. Ich habe gemeinsam mit einem Freund ein Grundstück am Fluss. Da könnt ihr übernachten.“ Mit diesen Worten verschwand er in ein Zimmer, welches an seinen Laden angrenzte. Kurz darauf stand er mit einem Schlüssel vor mir und erklärte, dass dieser für das Tor seines Geländes sei. Nachdem ich versprochen hatte, den Schlüssel im Laufe des Nachmittags zurück zu bringen, drückte er mir selbigen in die Hand und erklärte, wie wir zu seinem Grundstück kommen und wie wir dieses erkennen. Dort stünde noch ein Zelt, von Freunden, welche ihn zur Zeit besuchen. Ich war, mal wieder, überrascht von so viel Vertrauen und freute mich darüber, nicht einmal mehr einen Campingspot suchen zu müssen.

Als ich aus dem Supermarkt kam hielt ich Olli erst einmal den Schlüssel vor die Nase. Er blickte mich irritiert an, da ich mit mehr als nur Gemüse, Avocados und Brot ausgestattet war.

Wir folgten der Wegbeschreibung des netten alten Besitzers, welchen ich vor lauter Verblüffung glatt vergessen hatte nach seinem Namen zu fragen. Nach etwa 1,5km entdeckten wir den Fluss und daneben das beschriebene Grundstück mit einem großen Zelt. Es handelte sich um ein Gelände auf welchem eine Industrie-Ruine stand. Scheinbar wurde dort früher Sand abgebaut. In Sichtweite des Geländes entdeckten wir den zuvor beschriebenen offiziellen Campingplatz des Ortes. Umso mehr freuten wir uns über unsere Übernachtungsmöglichkeit fernab der vielen anderen Zelte und darüber, keinen Cent für unsere Nacht auszugeben.

 

Wir stellten uns kurz unseren einzigen Nachbarn, einer Familie aus Santiago vor, und begannen schnell unser Zelt aufzubauen. Inzwischen sah der Himmel nämlich noch mehr nach Regen aus. Kurz nachdem unser Zelt stand fielen auch schon die ersten Tropfen. Starker Regen blieb uns jedoch an diesem Tag erspart. Die paar folgenden Schauer lassen sich eher als „Hamburger Sonnenschein“ bezeichnen.

Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mehrfach zurück in das kleine Dorf und versuchte den Schlüssel zum Tor des Geländes zurückzugeben. Vergeblich. Der Mann vom Supermarkt hatte scheinbar beschlossen, dass Sonntag Nachmittag kein guter Zeitpunkt zum weiterarbeiten sei.

Ein weiterer Tag in Ramadillas & „der Kapitän“

Während wir am nächsten Morgen gerade unseren ersten Kaffee schlürften fuhr plötzlich ein Auto vor. Der Mann vom Supermarkt stieg aus und winkte uns fröhlich mit einer Tüte Brötchen, welche er uns kurz darauf schenkte. Wir unterhielten uns eine Weile und erfuhren unter anderem, dass er Luis heißt.

Es folgte die Geschichte dazu, warum er am Vortag gesagt hatte, dass der offizielle Campingplatz keine gute Wahl sei. Luis erzählte, dass er das Grundstück auf welchem wir uns befanden ursprünglich ebenfalls zu einem Campingplatz ausbauen wollte. Die Besitzer des bereits existierenden Campingplatzes sabotierten dies jedoch immer wieder. Stellte Luis zum Beispiel eine Leiter auf, um mit dem Abriss von Teilen der alten Gebäude zu beginnen, wurde die Leiter über Nacht geklaut. Begann er etwas zu bauen, wurde dies über Nacht zerstört. Einzig ein paar Tische und Bänke, auf welchen wir saßen, wurden bisher nicht demoliert. So endete seine Geschichte mit: „Ich möchte nicht, dass die da drüben noch einen Cent verdienen, solange sie mir alles kaputt machen. Da lasse ich lieber alle umsonst bei mir auf dem Gelände schlafen und freue mich sehr über jeden, der bei mir übernachtet.“ Danach ging er zum Nachbarzelt und besuchte seine Freunde.

Eigentlich wollten wir an diesem Tag abreisen. Als wir begannen unsere Sachen zu packen, kam Luis zurück: „Bleibt doch noch eine Nacht! Ihr seid meine Gäste und könnte solange bleiben wie ihr wollt.“ Da wir es auf unserer Reise absolut nicht eilig haben, nahmen wir auch diese Einladung an und blieben einfach noch einen Tag. Schließlich lässt sich ein Offday immer verdammt gut mit Essen, ein paar Klamotten (im Fluss) waschen und Entspannen füllen. Im Laufe des Nachmittags besuchten wir auch Luis noch einmal in seinem Supermarkt und quatschten uns erneut eine Weile fest.

Zurück bei unserem Zelt, lernten wir direkt noch den Verrückten Säufer des Dorfes kennen. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin der Kapitän! Ich bin Tänzer und ich tanze auch ohne Musik.“ Er tanzte über einen der Holztische, eine imaginäre Tanzpartnerin haltend. Im Anschluss tanzte er leicht wankend davon.

Kurz darauf kehrte, der Schnapsfahnen-Kapitän mit einem riesigen Plastikbecher voller Wein zurück. Nachdem die ersten 10 Minuten unseres, wenn auch sehr einseitigen, Gesprächs noch ziemlich amüsant waren, hatte ich nach einer Weile genug von den Lebensweisheiten des bekennenden Alkoholikers. Spätestens beim siebten „Ich bin so intelligent, mein IG liegt bei 280“, wünschte ich mir (nicht das erste Mal auf meinen Reisen) genauso wenig Spanisch zu sprechen wie Olli.

Irgendwann schwankte der Kapitän zum Glück wieder zur Familie im Nachbarzelt. Kurz darauf standen zwei scheu blickende Jungs auf der anderen Seite des Zauns, direkt bei unserem Zelt. Der Kapitän kam erneut angerannt und rief den beiden zu: „Jetzt fragt sie schon! Los! Los!“ Schüchtern fragten die zwei, wo wir herkommen. Als ich antwortete, dass wir aus Deutschland sind und mit dem Fahrrad durch Chile reisen, blieben die Münder der beiden Kids offen stehen. Sie fragten noch mehrfach: „Mit dem Fahrrad?“ Einer von beiden sagte leise zu seinem Kumpel: „Wow, der Kapitän hat ausnahmsweise wirklich mal etwas wahres erzählt.“ Kurz darauf rannten sie zurück zu ihren Familien, welche ein paar Meter weiter am Fluss saßen und berichteten lautstark von den bekloppten Radfahrern. Wir grinsten uns an. Der Kapitän war scheinbar wirklich als besoffener Käpt’n Blaubär des Dorfes bekannt.

Derweil war der Kapitän wieder verschwunden und auch die benachbarte Familie war ebenfalls abgereist. So genossen wir einen zweiten, sehr ruhigen Abend am Fluss.

 

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