Dirt & Gravel Roads

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San Fernando – Embalse de Lolol

Kaum zwei Tage auf Chiles Straßen unterwegs, starteten wir unser Kontrastprogramm. Es zog uns weg von der Panamericana und hin zu kleineren, ruhigeren Straßen & Wegen. Aufgrund der Temperaturen beluden wir unsere Räder am Sonntag noch früher als die Tage zuvor. Wir starteten direkt nach Sonnenaufgang, um ca. 7 Uhr morgens. Die Belohnung trat umgehend ein, da das Städtchen San Fernando noch schlief und wir – fast ohne Autos in Sicht – gelassen aus dem Ort herausrollen konnten. Als Tagesziel hatten wir uns die Embalse de Lolol, einen Staudamm mitten im Nichts, gesetzt. Der Weg führte uns teils über asphaltierte Landstraßen sowie später über nicht asphaltierte Wege durch eine sehr ländliche Region.

Nach wenigen Kilometern auf der Landstraße hatte ich (Sarah) ein plattes Hinterrad. Nachdem mein Rad nach dem Flug von Hamburg nach Santiago bereits zwei Löcher im vorderen Schlauch hatte, bedeutete dies: 3:0 für mich auf unserer Pannenstatistik. Spitzes Steinchen hieß der Übeltäter dieses Mal.
Nach der Reparatur rollten wir weiter bei angenehmen Temperaturen durch ziemlich dichten Nebel über die Landstraße. Unsere Warnwesten, welche uns bereits in den Tagen zuvor auf der Autobahn zierten, hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich lieb gewonnen, da wir uns damit wesentlich sichtbarer und sicherer fühlten.

Angenehm kühle Nebelschwaden am Morgen

 

Im Laufe des Tages führte unsere Route uns auf einen Feldweg, welchem wir eine Weile folgten. Irgendwann befanden wir uns nicht mehr auf der in unserer offline Map zu findenden Route und stoppten daher am einzigen weit und breit sichtbaren Haus, um nach dem Weg zu fragen. Statt direkt eine Auskunft zu bekommen, wurde ich (da ich Spanisch spreche und mal wieder das Quatschen übernehmen musste) erst einmal ins Haus gelotst. Während Olli vorm Tor im Schatten wartete, sammelte sich eine neugierige siebenköpfige Familie, vom kleinen schätzungsweise fünfjährigen Kind bis zur etwa 90-jährigen Omi, in der Küche um mich. Gemeinsam quetschten mich die Oma und eine zweite Frau der Familie aus, was uns eigentlich in diese verlassene Gegend zieht. Wir redeten kurz über unsere Radreise und ich erzählte, warum wir lieber Orte entdecken wollen, die fernab der gewöhnlichen, touristischen Orte liegen.
„Zur Embalse de Lolol braucht ihr von hier aber noch ein paar Stunden, auch wenn es nur wenige Kilometer sind.“ versicherte mir die Oma der Familie. Sie fuhr fort: „Wenn ihr es heute schon so weit von San Fernando bis hier her geschafft habt, seid ihr eventuell fit genug und habt vielleicht eine Chance vor dem Sonnenuntergang noch den Gipfel zu erreichen.“ Sie deutete zur Abzweigung den Berg hinauf. Statt nur dieser gewünschten Information, wurde mir direkt noch Wasser für die Weiterfahrt sowie zwei frisch gebackene, noch warme Brötchen angeboten. Die Frau und Bäckerin der Familie zeigte mir noch stolz ihren winzigen Ofen, mit welchem sie das Gebäck kurz zuvor zubereitet hatte. Dankbar verabschiede ich mich mit den unverhofft gewonnenen Schätzen und wir machten uns weiter auf den Weg den Berg hinauf.

Geschenktes frisch gebackenes Brot

 

Kurz darauf verstanden wir auch, was die alte Dame damit meinte, als sie sagte, dass wir den Gipfel heute nur vielleicht erreichen würden. Zumal für Menschen, die ihr Leben großteils im flachen Hamburg und Norddeutschland verbracht haben, bekanntermaßen 8°C Regen quasi warmes Wetter sind und 1% Steigung einem gefühlten Mount Everest entsprechen. Wege die hoch und runter gehen kennen wir höchstens von der Achterbahn auf dem Dom. Und da möchte eigentlich auch wirklich niemand hin. So war bei 40°C und bis zu 20% Steigung auf dem sandigen und später auch noch sehr steinigen Feldweg mit Gepäck für uns ganz eindeutig schieben angesagt. Aber bitte nur von einem Schatten zum nächsten.

Campingspot mit Aussicht

 

Das alles konnte die Omi in dem Haus natürlich nicht wissen. Wir erreichten den Gipfel natürlich nicht mehr und entschieden uns für die Option schöner Scheitern. Am späten Nachmittag entdeckten wir einen wunderbaren Campingspot mit toller Aussicht direkt im Schatten. Dieser schien wesentlich attraktiver als weiter im Schneckentempo den Berg hoch zu schieben, auch wenn der Abend langsam anbrach und es ab 18 Uhr irgendwann wieder etwas kühler (sprich: erträglicher, da 30°C statt 40°C) wird. Statt uns weiter zu quälen, schlugen wir also unser Zelt auf und futterten lieber mit Kürbis, Avocado und Paprika gefüllte Tortillas, während wir den langsam am Horizont erscheinenden wahnsinnig hellen Vollmond beobachteten. Unser Zelt war die komplette Nacht taghell vom Mond erleuchtet.

Vollmond

Embalse de Lolol – Campingplatz Vichuquen (Lago Vichuquen)

Der nächste Tag führte uns wieder zurück zur Landstraße, auf welcher wir – erneut bei enormer Hitze – durch die hügelige Gegend fuhren. Abends erreichten wir die Cabañas del Monte, wo wir (aufgrund des starken Bedürfnisses zu duschen) die Nacht verbrachten. Am nächsten Morgen ging es wieder früh weiter, immer noch Richtung Küste. Etwa 15km vor unserem Ziel (einem Campingplatz am Lago Vichuquen), konnte ich meine Führung in Sachen platte Reifen weiter ausbauen: Zwei klitzekleine Stacheln raubten dieses Mal meinem Vorderrad die Luft. Beide waren winzig und vermutlich habe ich beide bereits ein oder zwei Tage mit mir herumgefahren. 5:0 für mich.

Fiese Radfahrer-Feinde

 

Am späten Nachmittag erreichten wir den „Campingplatz Vichuquen“, den wir auf unseren offline Karten entdeckt hatten. Hier stellten wir bereits das zweite Mal diese Woche fest: Wir müssen uns dringendst auch eine topographische offline Map downloaden, wenn wir mal wieder irgendwo Wifi haben. Die letzten paar Kilometer zum Camping Vichuquen, welches am gleichnamigen See liegt, ging es extrem steil hinunter – der Weg zur Embalse de Lolol schien im Vergleich fast wie eine asphaltierte Straße mit wenig Steigung. So war uns beim herunterfahren bzw. rutschen durch die sandigen Serpentinen bereits klar: Hier kommen wir nicht mehr alleine raus – außer, wir befördern Räder sowie Gepäck einzeln nacheinander zu Fuß oder bauen uns ein Floß. Da wir zu diesem Zeitpunkt jedoch sehr erschöpft waren und dringend eine Pause brauchten, verschoben wir dieses Problem auf den nächsten Tag. Kurz nach der Ankunft stellten wir fest: Mein Rad hat schon wieder einen Platten. Damit stand es also 6:0 für mich auf der Pannenstatistik. Erneut ein fieser Stachel irgendeiner Radfahrer-feindlichen Pflanze der Region.
Nach dem ziemlich anstrengenden Tag voller Platten beschlossen wir unser letztes Bargeld in Bier zu investieren – und verschoben auch das Problem Bargeld auf nach dem Ausschlafen. Irgendeine Lösung findet sich schließlich immer.

Olli liebt es Stacheln aus Sarahs Reifen zu pulen

Campingplatz Vichuquen (Lago Vichuquen) – Paula (Lago Vichuquen)

Diese brachte der nächste Tag: Wir erklärten kleinlaut an der Rezeption, dass die Entscheidung die letzten Kilometer zum Campingplatz mit dem Rad zurückzulegen, sicherlich nicht die klügste war, wir jedoch vorher auch keine Ahnung hatten auf was wir uns da einließen. Also baten wir um Hilfe. Breit lächelnd erhielten wir die Antwort, dass wir nicht die ersten Radreisenden waren, die auf dem Campingplatz „gefangen“ waren. Die Besitzerin zückte ihr Handy und kurz darauf luden wir gemeinsam mit ihrem Gärtner unsere Räder auf die Ladefläche eines Autos und wurden freundlicherweise wieder bis zu einer befahrbaren Straße gebracht. Da wir von der extremen Hitze und den Höhenmetern der letzten Tage sehr erschöpft waren, rette uns dies definitiv den Tag.

Aussicht auf dem Weg zum Campingplatz Vichuquen

 

Wir brauchten dringend eine richtige Pause, daher radelten wir nur wenige Kilometer. Wieder in Richtung Küste, jedoch nur bis zum anderen Ende des ziemlich großen Sees. Auf dem Weg lösten wir auch das Problem Bargeld, indem wir mich mit unserem kompletten Gepäck an einer Bushaltestelle im Schatten abluden, während Olli einen Abstecher und Umweg zum nächstgelegenen Geldautomaten machte. Wir waren beide wahnsinnig froh, als wir am Nachmittag an unserem Tagesziel, dem wesentlich günstigeren und kleineren „Camping Paula“ ankamen. Hier schreiben wir auch diese Zeilen, während wir zwei Offdays im Schatten genießen und diese nutzen, um Wäsche und unsere Räder vom Dreck zu befreien, ausschlafen und vor allem ganz viel zu Essen.

Morgen schwingen wir uns dann wieder ausgeruht auf die frisch geputzten Bikes und erreichen in wenigen Kilometern endlich die Küstenstraße, welche wir in den kommenden Tagen weiter gen Süden fahren.

Camping Paula / Lago Vichuquen

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