Feminismus, Waldbrände und Bier

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Ramadillas – Cañete

Nach zwei Nächten in unserem Zelt am Fluss Carampagne ging unsere Reise am Vormittag weiter. Bevor wir auf die Ruta 160 abbogen führte unser Weg uns zuerst zurück durch das Dorf Ramadillas.

Nach einigen Kilometern bergauf bei prallster Hitze war es Zeit für einen kleinen Snack. Wir stoppten als wir gegen Mittag direkt neben der Straße einen Platz im Schatten entdeckten. Während wir ein paar selbstgemachte Energy Balls und Nektarinen mampften, beobachteten wir wie eine Gruppe Männer versuchte ihren Kleinbus durch den Zaun des benachbarten Geländes zu schieben. Nachdem Teile des Zauns entfernt waren setzte die Gruppe ihren Bus zurück. Natürlich landete dieser im Graben, welcher direkt hinter dem Zaun lag. Wir beobachteten dieses Schauspiel noch eine Weile. Irgendwann hatte die Gruppe es mit ihrem Kleinbus erfolgreich aus dem Graben und auf unsere Seite des Zauns geschafft. Die Männer fuhren auf dem Feldweg davon und auch wir stiegen erneut auf unsere Bikes.

Nach etwa 45 Kilometern bogen wir auf die Bundesstraße P-60-R ab. Da unsere Couchsurfing Gastgeberin Jeimy in Cañete erst um 18 Uhr Feierabend hatte, ließen wir uns auf unserem Weg viel Zeit und legten zwischendurch noch zwei weitere Pausen ein, um nicht viel zu früh an unserem Ziel anzukommen.

Nach 69 Kilometern erreichten wir am Nachmittag schließlich die Kleinstadt Cañete. Wir waren immer noch sehr zeitig dran. Daher machten wir es uns zunächst auf dem Hauptplatz der Stadt bequem. Nachdem wir uns eine Weile von drei besoffenen Opis hatten vollquatschen lassen, war es endlich an der Zeit zum vereinbarten Treffpunkt zu rollen.

Feminismus und lange Abende mit viel Bier

Nach einer Begrüßung trugen wir unsere Räder gemeinsam die Treppe zu Jeimys Wohnung hinauf. Oben angekommen lautete ihre erste Frage: „Mögt ihr Bier?“ Wer unseren Artikel mit der Statistik zu unseren Ausgaben während unseres ersten Monats in Chile gelesen hat weiß, dass unsere Antwort ganz eindeutig „Natürlich!“ lautete. Jeimy fuhr fort: „Das freut mich sehr! Ich wollte den ganzen Tag schon Feierabendbier trinken. Dann fiel mir plötzlich ein: Oh nein, das sind ja Radfahrer! Hoffentlich trinken die überhaupt mit mir.“

Etwas später standen drei Portionen Nudeln sowie diverse Sixpacks mit halben Litern Bier auf dem Tisch. Jeimy meinte mit Feierabendbier ganz offensichtlich: Verdammt viel Feierabendbier. Schnell stellten wir fest, dass wir uns verdammt viel zu erzählen hatten. Mich freute es mal wieder eine Gesprächspartnerin zu haben für die das Wort Feminismus kein Fremdwort ist. Dies ist in den sehr machistischen Kulturen Lateinamerikas leider auch heute noch eine Seltenheit. Als Feministin, die als Psychologin für eine Organisation arbeitet, welche misshandelte Frauen unterstützt, bekommt Jeimy den Machismus der Region täglich regelrecht um die Ohren gehauen.

Wir quatschten uns die halbe Nacht fest und unterhielten uns über Homosexualität, Abtreibung, Politik sowie unsere Erfahrungen als allein reisende Frauen in Lateinamerika (bevor ich Olli kennen lernte war ich seit 2006 mehrfach monatelang alleine mit meinem Rucksack in Süd- und Zentralamerika unterwegs). Da wir uns noch viel mehr zu erzählen hatten, endete der Abend auch mit dem Beschluss, dass wir ein paar Tage länger bei Jeimy verbringen werden.

So verbrachten wir ein paar Tage mit Spaziergängen durch die Kleinstadt, gemeinsamen Kochen, geteilten Bieren sowie Weinen und vielen weiteren langen Gesprächen.

Der Himmel brennt

Als wir an einem Vormittag die Wohnung verließen, erwarteten uns vor der Tür dicke Rauchschwaden. Der Qualm war so dicht, dass er in den Augen brannte und das Ende der Straßen kaum noch zu erkennen war. Es roch als würde in wenigen Minuten der komplette Ort abfackeln. Schnell stellten wir fest, dass es nicht in Cañete selbst brannte. Dafür standen mehrere Wälder außerhalb des Ortes in Flammen. Der Wind trieb die Rauchschwaden direkt ins Zentrum der Stadt.

Leider hatten wir bei unserem Spaziergang an diesem Tag keine Kamera dabei. Auf diesem Bild, welches am darauffolgenden Tag entstand, kann man den Rauch nur ansatzweise erkennen.

Für die Provinz Araucania, in welcher Cañete liegt, wurde aufgrund der Großbrände am gleichen Tag von offizieller Seite die Alarmstufe Rot ausgerufen. Jeimy bat uns noch ein paar Tage länger bei ihr zu verbringen bis die Brände in der näheren Umgebung (und unserer weiteren Reiseroute) zumindest weitestgehend unter Kontrolle waren. Selbst das Atmen vor der Tür fiel schwer. Entsprechend nahmen wir das Angebot mehr als gerne an. Bei jedem Fenster öffnen stank es noch tagelang extrem nach Verbranntem.

An dieser Stelle sei gesagt, dass Waldbrände jeden Sommer ein Problem in vielen Teilen des Landes sind. Aufgrund des derzeit rekordverdächtig heißen Sommers stehen in diesem Jahr jedoch noch mehr Wälder als gewohnt in Flammen.

Unser Aufenthalt bei Jeimy zog sich so erneut eine Weile länger hin als geplant. Diese nutzten wir, um einen Materialschaden am Innenboden unseres, bereits 15 Jahre alten, Zelts zu klären. Nach einen Skype Gesprächen in die USA wurde uns angeboten, uns einen Ersatz nach Chile zu senden. Über die Whatsapp Gruppe „Biking to Patagonia“ fanden wir einen Kontakt in der, rund 200km weiter südlich gelegenen, Stadt Temuco, welcher bereit war unser Paket demnächst entgegen zu nehmen.

Zwischenzeitlich spazierten wir ein durch das kleine verschlafene Städtchen, in welchem heute rund 16.000 Einwohner leben. Wahnsinnig viel zu entdecken gibt es dort nicht. Allein die Ruine des 1553 erbauten Fort von Cañete (Fuerte Tucapel) weist auf die historische Bedeutung und interessante Geschichte des Ortes hin. Das Fort wurde während des sogenannten Arauco-Krieges errichtet, in welchem die Mapuche (indigenes Volk Südamerikas) den spanischen Kolonisatoren ab 1553 den Kampf ansagten.

Das Fort wurde (wie auch andere Festungen der Spanier in der Region) in den darauffolgenden Jahren immer wieder angegriffen, zerstört und neu errichtet. Einige Jahre später wurde die Festung aufgegeben. Der andauernde Widerstand der Mapuche führte zudem dazu, dass die Spanier die Region südlich des Rio Bio Bio aufgaben und den Mapuche Souveränität zugestanden. Der Konflikt flammte in den darauffolgenden Jahren immer wieder auf. Landkonflikte rund um das Territorium der Mapuche haben leider bis heute nicht an ihrer Aktualität verloren.

Doch zurück zu unserem Aufenthalt in der, immer noch nach Verbranntem stinkenden, Kleinstadt Cañete. Immerhin hatten sich die dicken Rauchschwaden wieder verzogen und die Luft brannte zumindest nicht mehr in den Augen.

Ein Tagesausflug zur Laguna Lloncao

Da es uns so langsam in den Fingern juckte endlich mal wieder mit unseren Räder umherzurollen, beschlossen wir einen Tagesausflug ohne Gepäck in die Region zu machen. Es ging zur Laguna Lloncao. Angekommen an der Lagune stellten wir fest, dass alle Zugänge zum Wasser umzäunte Privatgrundstücke oder Campingplätze sind.

Da wir gerne eine Mittagspause am Wasser einlegen wollten, fragten wir ein älteres Paar, ob es vielleicht doch irgendeinen nicht eingezäunten Weg zum Wasser gibt. Beide verneinten, luden uns dafür jedoch ein unseren Snack einfach auf ihrem Grundstück direkt am Wasser zu uns zu nehmen. Wir schnackten uns eine Weile mit den beiden fest und so zog sich unser kurzes Päuschen letztlich wesentlich länger hin als geplant. Am Nachmittag ging es irgendwann wieder zurück nach Cañete.

Auf zu neuen Abenteuern!

Bevor wir es dann wirklich schafften die Kleinstadt wieder zu verlassen folgten noch viele weitere Abschiedsdrinks und ein gigantischer Kater. Am Montag, den 25.02. hatten wir dann wirklich genug Zeit in der Stadt vertrödelt. Die Rauchschwaden und Gestank waren fast komplett verschwunden, unser Innenzelt nun zumindest auf seinem Weg nach Temuco und für uns war es absolut an der Zeit, endlich wieder auf unsere Räder zu steigen und etwas Neues zu entdecken.


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