Gelangweilte Dorfcops

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Warum die Ruta 23?

Das unser Reise-Konzept „Nie wieder Winter“, je weiter wir uns dem südlichen Teil Südamerikas nähern, irgendwann scheitern würde, war uns natürlich vor unserer Reise bewusst. So war für uns längst klar, dass wir irgendwann an den Punkt kommen würden, an welchem wir statt weiter gen Süden in Richtung Osten, einmal quer durchs Land bis zum Atlantik radeln würden.

Einige Wochen zuvor hatten wir hierfür die Ruta 22 ins Auge gefasst. In San Martin de los Andes berichtete uns ein Local, dass die 22 stark befahren und wenig schön sei. „Immer wenn wir nach Neuquén (eine Stadt nahe der 22) zu unserer Oma fahren, finden meine Verwandten irgendwelche Ausreden, damit sie nicht mit in diese hässliche Stadt müssen.“

Auf diese Worte folgte zum Glück noch ein alternativer Vorschlag, die Ruta 23. So änderten wir unsere Pläne erneut. Die Ruta 23 führt ebenfalls einmal quer durch das Land, mitten durch die Provinz Rio Negro. Sie endet ebenfalls kurz vor der Küste, wo sie mit der Ruta 3 zusammengeführt wird. Die Strecke sei weniger befahren und schöner als der Weg über Neuquén, wurde uns versichert. Auch wenn wir auch hier außer Unmengen an Pampa-Gräsern und viel Wind nicht viel zu erwarten hätten.

Generell schienen fast alle mit denen wir sprachen unsere Idee mitten durch Argentinien zu fahren nicht für die klügste zu halten. Die Ökoregion Pampa wurde jedenfalls immer wieder als langweiliges, abwechslungsloses, hunderte Kilometer langes Nichts angepriesen. Auf exakt dieses „Nichts“ in Form anderer Landschaften und unendlicher Weiten freuten wir uns sehr nachdem wir wochenlang entlang hübscher Seen und Berge geradelt waren. Am anderen Ende der Ruta 23 warteten zudem der Atlantik und, hoffentlich, auch minimal wärmeres Wetter auf uns. Erst einmal waren wir aber froh über die Abwechslung und Neugierig darauf, was eine der am wenigsten bevölkerten Ecken des Landes mit sich bringen würde.

Tag 1 auf der Ruta 23: Von Bariloche nach Pilcaniyeu

Statt den Süden Zentral-Argentiniens, wie scheinbar viele andere Radreisende die in der Region unterwegs sind, zu überspringen und andere Routen oder einfach den zwei Mal wöchentlich fahrenden, „Tren Patagonico“ zu nehmen, hüpften wir lieber auf unsere Fahrräder.

Da sich unsere Unterkunft ganz am Ende Bariloches befand, ging es für uns an diesem Tag zunächst gut 10 Kilometer durch die Stadt. Im Anschluss folgte ein asphaltierter Part bis zu dem Ort Dina Huapi. Hier deckten wir uns an einer Bäckerei noch kurz mit Brot und süßem Gebäck ein. Im Ort nahmen wir dann die Abzweigung auf die über 600 Kilometer lange Ruta 23.

Direkt nach der Abzweigung hieß es „Tschüss Asphalt“. Kurz darauf erwartete uns eine Baustelle. Der Grund für das geringe Verkehrsaufkommen auf der Ruta 23 lag direkt vor unseren Augen: Über 200 Kilometer der Strecke sind bisher nicht asphaltiert. So erwarteten uns an diesem Tag einige bereits fertig gestellte Abschnitte und zwischendurch immer wieder längere Strecken Gravel. Mit Ausnahmen sind diese ziemlich gut befahrbar. Zwischendurch gibt es aber auch immer wieder Passagen, die vor Querrillen, sandigem Untergrund und Schlaglöchern nur so strotzen. Entsprechend ging es mal sehr schnell und mal sehr langsam voran.

An einigen Stellen ließen sich diese Teile der Strecke allerdings vermeiden, da es möglich war mit dem Rad einfach auf die bereits asphaltierten, aber noch nicht für Autos geöffneten, Straßenabschnitte zu rollen. Diese gefielen uns am besten. Eine Straße ganz für uns alleine! Dennoch sei erwähnt, dass der Verkehr auf der Ruta 23 sich ansonsten ebenfalls stark in Grenzen hielt. Alle 15 Minuten düste ein Auto oder Lkw an uns vorbei. Manchmal auch seltener. Dazwischen hatten wir die unendlich wirkende Landschaft für uns alleine.

Die Landschaft, die an uns vorbei zog, war an diesem Tag von vielen kleineren und größeren Hügeln geprägt. Soweit das Auge reicht umgab uns steiniger, furztrockener Boden, mit Gräsern, Kletten und kleineren Büschen übersät. Am Horizont tauchten alle paar Kilometer Schafe oder Kühe auf.

Gelangweilte Dorfpolizisten

Nach rund 70 Kilometern erreichten wir das Dorf Pilcaniyeu. Auf der Suche nach einem möglichen Schlafplatz rollten wir durch den Ort. Da wir auf den ersten Blick nichts geeignetes entdeckten, stoppten wir kurzentschlossen bei der Dorfpolizei. Das größte Verbrechen in dem kleinen Kaff scheint endlose Langeweilie zu sein.

So widmeten sich die drei anwesenden Cops gerne der Schlafplatzsuche für zwei bekloppte Radfahrer. Es gäbe einen öffentlichen Campingplatz der Gemeinde, wurde uns mitgeteilt. Um diesen zu nutzen müsse man sich allerdings bei der Gemeinde registrieren. Nachdem sie dort telefonisch niemanden erreichten, machte sich einer der Polizisten zu Fuß auf die Suche nach der zuständigen Mitarbeiterin, welche bereits ihren Feierabend genoss.

Es schien fast so, als freuten sich die Dorfcops über die unerwartete Beschäftigung. Wir warteten derweil der Wache und unterhielten uns noch ein bisschen mit der dort zurückgelassenen Mitarbeiterin. Nach einer Weile kam ihr Kollege zurück. Er berichtete, dass er uns bei der Gemeinde angemeldet hätte und wir die Nacht gerne umsonst auf dem Campingplatz verbringen dürften. Mit einer Wegbeschreibung im Gepäck rollten wir weiter zu unserem Schlafplatz.

Auf dem Campingplatz der Gemeinde erwarteten uns Grills, fließendes Wasser und geschlossene Toiletten. Vor allem zweiteres gefiel uns. Außerdem entdeckten wir einen leeren, nicht abgeschlossenen Raum. Da die Nächte zuvor bereits sehr frostig waren, beschlossen wir in dem Raum zu schlafen, statt unser Zelt aufzubauen. Da es morgens meist sehr frostig war, ersparte uns dies auch ein nasses Zelt und Zeit am nächsten Morgen.

Auch an diesem Abend wurde es schnell kalt. So krochen wir nach einem ausgiebigen Abendessen und einer Flasche Wein direkt in unsere Schlafsäcke.

Tag 2 auf der Ruta 23: Hello again!

An unserem zweiten Tag erwartete uns auf der Ruta 23 fast ausschließlich Schotter. Das ewige auf und ab wurde weniger und die Hügel immer kleiner. Ansonsten veränderte sich die Landschaft kaum. Einzige Abwechslung stellten Straßenschilder mit Kilometerangaben dar, welche erahnen ließen, dass wir uns, auch wenn es kaum so wirkte, tatsächlich fortbewegten.

Nach etwa 50 Kilometern erreichten wir das kleine Dorf Onelli. Mit etwas Glück fanden wir einen kleinen Laden, welcher auch während der ewig langen 13 bis 17 Uhr Siesta geöffnet hatte. Da es auch an diesem Tag wieder sehr windig war, nahmen wir unser Mittag im Windschutz des Ortes zu uns. Im Anschluss machten wir uns auf die Suche nach Wasser.

Ich fragte eine Frau die gerade über die Straße lief. Sie hatte noch schnell eine Zutat für ihr Essen besorgt, welches bereits auf dem Herd stand und hatte es daher sehr eilig. Ich solle einfach hinterher kommen, sagte sie. Als ich unsere Flaschen geschnappt hatte und in ihre Richtung lief, war sie bereits recht weit entfernt. Sie verschwand sie plötzlich in einer Gasse oder Einfahrt. Da ich aus der Ferne nicht genau sehen konnte, wohin sie genau verschwunden war, ging ich, in der Hoffnung sie zu entdecken, langsamer, als ich mich an den Häusern vorbei bewegte.

Ein Hund bellte mich an. In gleichen Moment öffnete sich dahinter eine Tür. Vor mir stand nicht die Frau, welche ich suchte. Stattdessen lächelte mir der Polizist vom Vorabend entgegen. Ja, exakt der, der uns am Vorabend 50 Kilometer entfernt von Onelli die Erlaubnis auf dem Campingplatz der Gemeinde zu nächtigen eingeholt hatte. Auch er musste über diesen Zufall schmunzeln und half gerne auch noch mit Wasser aus. Ich gab ihm meine Flaschen und wartete an der Tür. Seine Frau und Tochter blickten mir neugierig aus der Küche des sehr spärlich eingerichteten Hauses entgegen. Neben unseren vier Flaschen Wasser drückte mir seine Frau noch eine randvolle 3 Liter Flasche Wasser (bzw. Eis) aus dem Eisfach in die Hand, damit wir bei der Hitze noch etwas kühles dabei haben.

Mit fünf randvollen Flaschen unter dem Arm und einem Grinsen im Gesicht ging ich zurück zu Olli und den Fahrrädern. Während wir uns noch über den Zufall amüsierten, dass ich ausgerechnet vor der Tür des Cops vom Vortag gelandet war, schwangen wir uns erneut auf unsere Räder.

Eine Baustelle für die Nacht

Nach etwa 30 weiteren Kilometern Gravel knarzten unsere Ketten vor lauter feinem Sand und Kies. Als wir neben der Straße eine Baustelle (mit bisher nicht fertig gestelltem neuem Abschnitt der 23) entdeckten stoppten wir. Die Baustelle verhieß nämlich zumindest von zwei Seiten Schutz vor den starken nordpatagonischen Winden und keine Pflanzen mit fiesen Kletten. Damit war sie das Beste, was wir an diesem Tag zum Campen entdeckten. Während ich direkt mit dem Kochen begann, machte sich Olli daran den gröbsten Schmutz von unseren Ketten zu entfernen.

Auch an diesem Abend wurde es sehr schnell kalt als die Sonne über den Horizont kroch. Auf dem naheliegendem Teil der (alten) 23 gibt es keine Beleuchtung. Auch Autos fahren hier nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch. So verbrachten wir in eine sehr ruhige Nacht unter dem hell erleuchteten Sternenhimmel in „unserer” Baustelle.

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Comments 3

  1. Alicia Marina Becker
    Reply

    Hola chicos. Un placer poder leerlos. Lo mejor para ustedes y su espíritu aventurero. Muchos cariños. Alicia Becker – Huella del Carmen – Ruta Nacional número 3, km 808 – Pedro Luro –

    6 Mai, 2019
    • Olli
      Reply

      Hola Alicia, fue un placer conocerte. Muchos saludos desde Bajo Hondo, Sarah y Oliver

      8 Mai, 2019
  2. Zu Gast im Motorcross-Zirkus – THE ROAD IS LIFE
    Reply

    […] gerade etwa 14 Uhr. Siesta-Time, natürlich alles geschlossen. Aufgrund unserer guten Erfahrung mit gelangweilten Dorfcops in Pilcaniyeu versuchen wir es einfach bei der Polizei. Scheinbar legen diese als Einzige im Dorf […]

    14 Mai, 2019

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