Kleinstadt Tristesse

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Lago Lanalhue bis zur Grenze der Region Bio Bio

Im Laufe des Vormittags machten wir auf den Weg, weiter in Richtung Osten. Da dieser sehr schön war, fuhren wir einen Teil der Strecke direkt doppelt ab, um noch kurz ein Video mit Blick auf den See zu machen. Unsere Videos aus Chile bekommt ihr zu späterem Zeitpunkt übrigens auch noch zu sehen. Allerdings werden wir unser erstes längeres Video erst schneiden, wenn wir Chile in ein paar Wochen verlassen.

Kurz nach dem See erwartete uns eine längere Steigung. Ich fühlte mich nicht besonders fit und hatte Magen- als auch Kreislaufprobleme. So waren die 440 Höhenmeter in der Hitze an diesem Tag eine ziemliche Qual.

Oben auf dem Berg angekommen brauchte ich – und vor allem mein Kreislauf – entsprechend dringend eine Pause. Nach einer Kanne Tee mit verdammt viel Zucker und einem zweiten Frühstück sah mein Leben direkt wesentlich besser aus.

Moin Araukanien!

Kurz nach unserer Pause passierten wir die Grenze zwischen den Regionen Bio Bio und Araukanien. Nach dem Kilometer langen Aufstieg in Bio Bio begrüßte uns Araukanien mit einem fetten Downhill durch wunderschöne Wälder. Da wir zwischendurch recht viel filmten und aus diesem Grund einige Strecken mehrfach fuhren, dauerte unsere Abfahrt jedoch etwas länger als eigentlich der Fall gewesen wäre.

Im Verlauf des Tages erreichten wir wieder furztrockene Regionen. Auch die Temperatur stieg direkt wieder auf knapp 40°C. Wir schütteten literweise Flüssigkeit in uns hinein und schwitzten diese, gefühlt im selben Moment, umgehend wieder aus. So mussten wir mehrfach halten, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Zu allem Überfluss dankte unsere Strecke uns mit erneuten Höhenmetern, was meinen, sich immer noch mies anfühlenden, Körper an diesem Tag weiterhin nur wenig begeisterte.

Nachdem wir den Ort Purén passiert hatten, begannen wir daher nach einem Campingplatz ausschau zu halten. Statt hübscher Wiesen oder Flussufer erwarteten uns links und rechts von der Straße ausschließlich Zäune sowie massenhaft Zelt- und Fahrradfeindliche stachelige Pflanzen. Auch die Bäche und Flüsse, welche wir zuvor auf der Karte entdeckt hatten, waren mindestens so ausgetrocknet wie wir selbst.

Gar nicht mal so schön hier

Da Zelt und Reifen zerlöchern keine gute Option war fuhren wir weiter. Langsam wurde es spät. Daher wollten unser Glück im nächsten kleinen Ort (Lumaco) versuchen. Da wir an vielen Stellen gelesen hatten, dass die Bomberos (Feuerwehrwachen) in Lateinamerika gute Ansprechpartner seien und Radreisenden gerne mal für eine Nacht eine Herberge gewähren, versuchten wir unser Glück bei der Feuerwehr in Lumaco.

Außer einem kurzen freundlichem Gespräch war hier jedoch leider nichts zu holen. Der Feuerwehrmann sagte lediglich, dass die einzige Option im Ort zu übernachten bzw. zu zelten der gegenüberliegende Hauptplatz sei, sich dort jedoch jede Nacht die Jugendlichen der Stadt für Besäufnisse treffen würden. Wir hatten wenig Lust auf besoffene neue “Freunde” in der Nacht und fragten erneut, ob es eine andere Option gäbe. “Es gibt noch eine günstige Pension” war die Antwort.

Ein paar Blocks später erreichten besagte Pension, um nicht zu sagen: Absteige. Das Schild hing über eine düsteren Kneipe. Ich ging in das dunkle Loch hinein und wurde direkt von einem Haufen alter besoffener Typen angestarrt. Scheinbar betritt man diesen Ort nicht, wenn kein überdimensionales Alkoholproblem vorhanden ist, man sein Leben noch ansatzweise schätzt, ein gewisses Alter noch nicht überschritten ist und kein Penis an einem dran hängt. Es sei gesagt: Ich bin echt alles andere als pingelig und Kneipen wie Hamburgs Goldener Handschuh sind absolute Edel-Fünf-Sterne Bars im Gegensatz zu dem, was sich hier vor meinen Augen abspielte.

Aber egal. Völlig fertig von dem Tag wollte ich einfach nur eins: Ein Bett. Schlafen. Vielleicht vorher noch etwas essen. Ich fragte nach dem Besitzer. Mit einem grunzen deutete einer der Besoffenen auf eine alte Frau, welche an einer Jukebox in der Ecke stand. Ich ging zu ihr und sprach sie an. Ohne sich umzudrehen schnaubte sie unfreundlich “gleich”.

Die wenig gesprächige und ebenso wenig freundliche Frau lotste mich aus dem Laden und zurück auf die Straße. Missmutig musterte sie unsere beladenen Räder und grummelte weiter in sich hinein. Nebenan öffnete sie das Tor zu ihrem Haus. Im Obergeschoss fanden sich einige Zimmer, welche ihre Pension darstellten. Auch diese waren ebenfalls keine besondere Schönheit oder sonderlich hell, aber immerhin weniger stinkend als die benachbarte Kneipe. Bevor sie zurück in ihre Bar ging, setzte sie sich an ihren Küchentisch und starrte minutenlang ohne jegliche Regung an die Wand. Die schien ihre liebste Beschäftigung, wie ich später irgendwann feststellte.

Aufgrund mangelnder Optionen und Überanstrengung nahmen wir eins der überteuerten Zimmer. Im Verlauf des Abends waren wir hierüber sehr froh, denn der Ort schien bis oben hin voll mit traurigen, besoffenen Gestalten zu sein. Zumindest die Cops schienen in dieser Stadt nicht von Arbeitslosigkeit bedroht zu sein und blinkten die ganze Nacht fröhlich mit ihrem Blaulicht durch den Ort.

Wir passten uns der Kleinstadt Tristesse an und besorgten uns erst einmal Dusch-Biere bevor wir unser Abendbrot zubereiteten. An diesem Abend freuten wir uns nicht nur auf unseren Schlaf, sondern noch viel mehr darüber am nächsten Morgen wieder aus dem Ort abreisen zu können.

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