Reste von Barrikaden

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Lumaco – Traiguén

Da wir bis zu unserem Couchsurfing Host in Traiguén nur 32 Kilometer vor uns hatten, nutzten wir den Morgen, um mal etwas länger auszuschlafen. Am späten Vormittag machten wir uns dann auf den kurzen Weg.

Da unser Gastgeber in Traiguén uns erst gegen 15 Uhr erwartete, blieb uns immer noch viel Zeit. So jagten wir diverse Male unsere Drohne in die Luft, um ein paar Aufnahmen zu machen. Kurz vor Traiguén stoppten wir außerdem, um im Schatten einer Bushaltestelle ein paar Brötchen mit Avocado zu essen.

Angekommen in Traiguén erfuhren wir, dass unser Host Sebastian uns nur zufällig in Traiguén empfangen konnte. Er studiert mittlerweile in Santiago und war nur einige Tage mit seiner Freundin in der Kleinstadt zu Gast, um während der Semesterferien seine Mutter zu besuchen. Bei dieser wurden wir dann direkt mit einquartiert.

Wieder einmal hatten wir großes Glück mit unseren Gastgebern. Sebastian, welcher mit 19 Jahren wesentlich jünger war als unsere bisherigen Hosts, überraschte uns mit großer Weltoffenheit und hatte bereits einiges an Backpack-Erfahrung gesammelt. Auch seine Mutter war von ihm überrascht, da ihr bis dato nicht bewusst war, wie gut das Englisch ihres Sohnes (welches er sich selbst beigebracht hat) war.

Wir verbrachten zwei Nächte bei der kleinen liebenswürdigen Familie. Am ersten Abend teilten wir uns einige Biere und quatschten uns lange mit der Sebastian, seiner Freundin, seiner Mutter sowie ihrem Freund fest.

Außerdem machten wir am ersten Tag gemeinsam auch einen kleinen Spaziergang zum Fluss und fuhren am zweiten Tag zusammen zu einem Aussichtspunkt, welcher einen netten Ausblick auf das Städtchen bot.

Traiguén – Pillanlelbun

Nächster Stop nach Traiguén war Pillanlelbun, welches etwa 20 Kilometer nördlich von Temuco liegt. Auch hier hatten wir wieder Hosts gefunden, dieses Mal jedoch erneut über Warmshowers.

Wenige Kilometer nach Traiguén entdeckten wir die brennenden Reste einer Straßenbarrikade und ein Schild, welches in den Bäumen hing. „Zurückeroberte Gebiete – Nein zur Enteignung“ war auf diesem zu lesen.

Landkonflikte sind in Chile und insbesondere in der Region Araucanía, in welcher wir uns derzeit befinden, seit Jahrhunderten aktuell. Die Mapuche (Urbevölkerung Chiles) wurden, im Gegensatz zu anderen Völkern Lateinamerikas, weder von den spanischen Eroberern noch militärisch besiegt. Großgrundbesitzer und Firmen raubten ihnen jedoch einen großen Teil ihrer angestammten Gebiete. Der Konflikt ist auch heute noch aktuell und dreht sich nicht nur ausschließlich um Land. Auch die monokulturelle Ausbeutung der Umwelt, internationale Bauprojekte und Staudämme gehören unter anderem dazu.

Regierung und Militärpolizei gehen oftmals mit unverhältnismäßiger Härte gegen den Widerstand der Mapuche vor. Dies zeigt unter anderem auch der Fall des im letzten November erschossenen 24-jährigen Mapuche Camilo Catrillanca (weitere Infos zu diesem Vorfall). Während der chilenische Staat seit diesem Vorfall noch stärker auf die weitere Militarisierung der Regionen Bio Bio und Araucanía setzt, protestiert die Gegenseite für die Entmilitarisierung der entsprechenden Gebiete und den Rückzug von Spezialeinheiten. Von letzteren haben wir während unseren Fahrten durch ländliche Regionen in den letzten Wochen so einige gesehen.

Auch der Protest ist (in Form von Bannern, Graffitis und eben auch den genannten Resten der Straßenblockade) immer wieder präsent. Wer mehr über den Konflikt erfahren möchte, kann zum Beispiel hier reinlesen oder findet hier auch aktuelle Nachrichten zum Thema.

Doch zurück zu unserer Route an diesem Tag, welche ansonsten nicht sonderlich spektakulär war: Es ging nämlich zurück zur Autobahn Ruta 5 (Panamericana), um die ca. 90 Kilometer lange Strecke flott auf gut asphaltiertem Untergrund zurückzulegen. So sahen wir an diesem Tag vor allem viele LKWs und Autos. Immerhin war der Seitenstreifen dafür wieder schön breit und wir ziemlich schnell unterwegs.

Da unsere Gastgeber in Pillanlelbun uns erst nach 18 Uhr empfangen konnten, legten wir in Lautaro, einem Ort ein paar Kilometer nördlich des Dorfes, eine längere Pause ein. Während wir auf dem Platz der Kleinstadt saßen, trafen wir einen chilenischen Bikepacker. Im Gegensatz zu uns nutzte er seine Pause nicht zum Essen, sondern zum Einrad fahren. Dieses Spielzeug fuhr er als zusätzliches Gepäck auf seinem Bikepacking Setup mit sich herum.

Um noch etwas mehr Zeit bis 18 Uhr totzuschlagen, legten wir die letzten 12 Kilometer auf einer Gravel-Road (statt erneut auf der Ruta 5) zurück.

Off-Days und ein neues Innenzelt dank Hilleberg

Von unseren Warmshowers Hosts Carla & Juan in Pillanlelbun waren wir besonders beeindruckt. Die beiden hatten vor einigen Jahren zwei kurze Radreisen unternommen und waren dabei auf die Plattform gestoßen. Da sie sich danach für eine Familiengründung entschieden haben, können die beiden derzeit nicht selbst mit dem Rad reisen. Stattdessen nehmen sie ständig Radreisende auf. In den letzten fünf Jahren hatten die beiden sage und schreibe über 60 Radreisende zu Gast.

Da es nach über 1000km an der Zeit für eine grundlegende Wartung und gründliche Reinigung unserer Räder war, blieben wir etwas länger in Pillanlelbun. Denn wer sein Material gut pflegt, hat länger etwas davon! Dies kostete einen Off-Day.

Ein weiterer Tag ging für einen Ausflug nach Temuco drauf, da wir dort unser neues Innenzelt in Empfang nehmen durften. Ein paar Wochen zuvor, kurz nach Start unserer Reise, hatten wir nämlich leider einen Haufen winziger Löcher im Innenzelt unseres geliebten, bereits 15 Jahre alten, Hillebergs, entdeckt. Die Löcher können wir uns bis heute nicht erklären, da unser Groundsheet immer noch intakt ist. Als wir in Cañete waren kontaktierten wir aus diesem Grund Hilleberg. Zu unserer riesigen Freude bot uns die nette Dame der Hilleberg Customer Care einen Ersatz an – und fischte nach viel Sucherei noch ein, ebenso altes, aber komplett intaktes, passendes Innenzelt aus den tiefen des Lagers der Firma. Über die WhatsApp Gruppe „Cycling to Patagonia“ fanden wir ein Paar mit Wohnsitz in Temuco, welches bereit war unser Paket für uns entgegen zu nehmen. Etwa zwei Wochen nach dem Kontakt mit Hilleberg hielten wir dann glücklich unser neues heiles Innenzelt in den Händen und freuen uns, dass unser Zuhause nun auch wieder von unten wasserdicht ist. Danke, Hilleberg!

Ansonsten begeisterte uns Temuco nicht sonderlich. Nach einigen Wochen in kleinen Dörfern und fernab von Menschenmassen, schien die Stadt grauenvoll wuselig und dreckig. Zu viel Verkehr, zu viel Chaos, zu viele Menschen. Nachdem wir unser Innenzelt eingesammelt hatten, ging es noch für einen kurzen Einkauf auf einen großen Markt. Danach stiegen wir erneut auf unsere Räder – glücklich darüber, dass wir wieder zurück ins Dorf durften.

Die restliche Zeit in Pillanlelbun füllten wir mit interessanten politischen Gesprächen, geteilten köstlichen Essen und Weinen mit unseren beiden supernetten Gastgebern. Auch unsere angedachte Route änderten wir bei einem Gespräch mit Juan erneut. Er riet uns von unserer eigentlich geplanten Strecke ab. Stattdessen sollten wir lieber durch den Conguillío Nationalpark fahren. Einer der schönsten Orte ganz Chiles, so Juan. Wir entschlossen, ihm zu glauben. Weniger schön als erneut über die Ruta 5 durch Temuco zu radeln konnte es schließlich nicht werden.

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