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Coelemu – Concepción

Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück am Dienstag (05.02.19) verabschiedeten wir uns von unserem Gastgeber Jaime und bestiegen wieder unsere Räder. Es sollte nach Concepcion gehen. Jaime hatte uns vorher erzählt, dass die 67,1Km lange Strecke nach Concepción sehr bergig ist. Insgesamt 679 Höhenmeter galt es auf den ersten 42Km zu bezwingen.

So entschieden wir uns diesmal für den direkten Weg und folgten den Autobahnen 126,158, 152 sowie 150. Auf den letzten 25,1Km wurden wir für die vorherigen Strapazen mit einem fetten Downhill, fast bis ins Zentrum der Stadt, entschädigt. Nach 4:23Std Fahrzeit hatten wir unser Ziel erreicht. Somit blieb uns noch genügend Zeit um unsere Essensvorräte neu aufzustocken. Unser Warmshowers Host Guillermo del Rio hatte uns nämlich im Vorfeld bereits mitgeteilt, dass er uns erst ab 18:00Uhr empfangen könnte.

Nach unserem Einkauf ging es zunächst weiter gen Süden über den Fluss und wieder hinaus aus Concepción. Sarah hatte im Vorfeld vermutet, dass “del Rio” wohl ein Spitzname sein würde, da die Adresse unseres Gastgebers direkt am Fluss lag. Während wir der Uferstrasse folgten, kamen uns daran die ersten Zweifel. So gings es die meiste Zeit vorbei an kleinen Guarded Communities auf der einen Seite und direkt am Fluss gelegenen, sehr reich wirkenden, Häusern auf der anderen Seite.

Das erste Treffen mit Guillermo

Am vereinbarten Treffpunkt tauchte Guillermo nur wenige Minuten nach uns auf. Er winkte uns im vorbeifahren kurz zu und deutet an, dass wir seinem Pickup folgen sollten. Keine 250m weiter hielt er vor einem Tor mit großen Spitzen. Er öffnete dieses per Fernbedienung und fuhr weiter. Wir folgen ihm eine lange Einfahrt zu einem weiteren Tor mit fiesen Stacheln. Hinter diesem begrüßte uns ein großer Deutscher Schäferhund. Wir folgten dem Guillermo weiter die gepflegte Einfahrt entlang und hielten hinter seinen Pickup.

Nun stieg auch unser Gastgeber das erste mal aus und scheuchte den Hund weg. Er begrüsste uns sehr förmlich und stellte sich mit vollem Namen vor. Als ich Probleme hatte seinen Vornamen korrekt auszusprechen lachte er höflich und sagte, dass wir ihn einfach Willy nennen sollten. Er bot uns zudem direkt an, dass wir auch gerne länger als eine Nacht bleiben könnten. Spätestens am Freitagmorgen sollten wir jedoch abreisen, da dass Haus seinem Vater gehöre und am Wochenende meist Verwandschaft zu Besuch käme. Das Angebot länger zu bleiben nahmen wir gerne an, da die Tagesetappe mit ihren vielen Höhenmetern doch sehr kräftezerrend war.

Zwei Hausregeln und höfliche Distanz

Während wir unsere Räder entluden erklärte uns Willy die erste seiner zwei Hausregeln: Keine Schuhe im Haus und bot uns Hausschuhe an. Da wir vorher einkaufen waren, boten wir an, für ihn mit zu kochen und ihn zum gemeinsamen Essen einzuladen. Dies schlug er aus, da er noch einiges zu erledigen hätte.

Willy zeigte uns kurz unser Schlafzimmer und unser eigenes Bad. Ich meinte, dass ich am liebsten sofort duschen würde. Daraufhin erklärte er uns seine zweite Hausregel: “Kein stundenlanges Duschen bitte” und verschwand.

Nach der Dusche suchten wir Willy und fanden ihn schließlich im Garten am Pool. Er wollte den Pool noch für die morgige Reinigung durch den Gärtner vorbereiten und entschuldigte sich dafür, dass wir diesen deshalb nicht nutzen könnten. Da Willy keine weiteren Anstalten machte ein Gespräch mit uns zu führen, setzen wir uns auf die Terrasse und genossen den Ausblick direkt auf den Fluss. Nach kurzer Zeit kam Willy mit zwei Bieren aus dem Haus. Ich dachte mir, dass man jetzt vielleicht etwas Smalltalk halten würde – aber nix da. Willy reichte uns das Bier und sagte uns, dass wir im Kühlschrank noch mehr finden würden. Auch alles Weitere in der Küche sollten wir gern nutzen. Willy verschwand erneut. Den restlichen Abend sahen wir ihn nicht wieder.

Ein grußloser Abschied

Da ich auch an Offdays zum frühen Aufstehen neige, war ich bereits um 7:30 Uhr wach. Den Sonnenaufgang über dem Fluss nutze ich um einige Fotos zu knipsen. Während ich meinen Morgen-Kaffee auf der Terrasse genoss, erschien Willy. Er rief kurz: “Hola, Que pasa?” und war sofort wieder verschwunden. Kurz darauf hörte ich die Dusche seines Badezimmers und wenig später wie er ohne ein weiteres Wort das Haus verließ.

Stammbau und Militarismus

Da Sarah ein kleiner Langschläfer ist, beschäftigte ich mich etwas mit dem Hund und begann danach mir das teuer eingerichtete Haus etwas genauer anzuschauen. Im kleineren Wohnzimmer entdeckte ich zunächst einen gerahmten Stammbaum der Familie, welcher bis in das 17 Jahrhundert zurück ging. Die weiteren Dekogegenstände bestanden aus mehreren Medaillen von Ultra-Triathlons und militärischen Relikten und wirkten im ganzen zwar stimmig aber auch sehr männlich.

Irgendwann blieb mein Blick am Bücherregal hängen. Neben einer Reihe von Fahhradbüchern und dem kleinen Prinzen, fand ich eine ganze Sammlung an Literatur die sich mit der Wehrmacht beschäftigten. Hier war von “Die Infanterie”, “Die Kriegsmarine” bis hin zum “Afrika Korp” alles vertreten was das Dritte Reich an Kampfverbänden hatte. Neugierig öffnete ich das erste Buch. Auch wenn mein Spanisch immernoch miserabel ist, verstand ich recht schnell, dass es sich hierbei nicht um eine kritische, sondern rein technische, Auseinandersetzung mit dem Thema handelte. Deatillierte Zeichnungen zu Ausrüstung und Taktiken fanden sich neben historischen Fotos dieser wohl schwärzesten Epoche der deutschen Geschichte.
Wenig später entdeckte ich noch einen hölzernenden Schlagstock des chilenischen Militärs.

Mein innerer Monolg

In meinen Kopf hatten sich schon beim betrachten der Wehrmachtsbücher etliche Fragen formuliert. Spätestens als ich den Schlagstock entdeckte, schrien die Stimmen in meinem Kopf laut auf: “Wo bist du hier gelandet? Was ist das für eine Familie?” Der Schlagstock passte optisch perfekt in die Zeit der chilenischen Diktatur. Auch das Willy uns angeboten hatte länger zu bleiben, gleichzeitig aber betonte, dass wir vor der Ankunft der Familie abreisen müssten, trug einen großen Teil dazu bei, dass ich mich in einer gewissen Art unwohl bzw. verunsichert fühlte.

Nachdem Sarah aufgestanden war, zeigte ich ihr meine Entdeckungen. Sie betrachtet kurz die Bücher und widmete sich dann dem Stammbaum. Nach kurzer Zeit erklärte sie mir, dass die Famile wohl um 1800 aus Spanien nach Chile eingewandert und adeliger Abstammung sei. Letzteres erklärte zumindest den Namen. Auf die Nazi-Literatur und den Schlagstock konnte ich mir aber auch weiterhin keinen Reim machen. Die Vorteile rotierten nur so in meinen Kopf. Hatte die Familie etwas mit dem Pinochet Regime zu tun? Waren es Nazikollaborateure? Und wieso nimmt so jemand stinkende Radfahrer auf?

Willy blieb auch weiterhin sehr distanziert aber höflich. Auf unsere Frage, ob wir noch eine weitere Nacht bleiben könnten, sagte er nur: Gerne, solange ihr am Freitag abreist.

Jägermeister

Am Donnerstag Abend kam Willy mit einem Freund nach Hause. Diesen stellte er kurz als Christian vor. Die beiden verschwanden sofort wieder.

Als ich gerade dabei war in der Küche den Abwasch zu beenden, kamen Willy und Christian zurück. Neben einer riesigen Portion Sushi hatten sie eine grosse Flasche Jägermeister dabei und wollten gemeinsam mit uns Abschied feiern. Nach den ersten Runden Schnaps begannen wir uns immer offner in einem lustigen Mischmasch aus Spanisch und Englisch zu unterhalten. Als der Jägermeister sich dem Ende neigte, zauberte Christian eine Flasche guten Wodka und Tonic Water hervor. Wir merkten an, dass der morgige Tag auf der Strasse die Hölle sein würde, wenn wir noch mehr trinken. Willy lacht laut auf und meinte: Er und Christian müssten zwar morgen nach Santiago zur ungeliebten Verwandschaft fliegen, wir könnten aber gerne unseren Rausch ausschlafen und am Samstag dem Gärtner einfach den Schlüssel in die Hand drücken.

So tranken wir noch einige Stunden weiter und tauschten viele Geschichten aus. Willys Familie stammte ursprünglich tatsächlich aus Spanien. Der erste seiner Vorfahren der auswanderte, hatte Weltreisen als Hobby. Er segelte drei Mal um die Welt und sammelte dabei Mumien. Die Mumien spendete er kurz vor seinen Tod dem Museum der Stadt. Eine der nachfolgenden Generationen der Familie spendete, bis auf einige Ländereien, fast den gesamten finanziellen Besitz der Familie der Stadt und half so den Bau der Universität zu finanzieren. Dies sei auch der Grund warum Willy zwar in seinem schönen Anwesen lebt, aber durchaus hart für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, merkte er laut lachend an. Die Bücher zum Thema Wehrmacht waren wiederrum Willys Versuch dieses grausame Kapitel der Geschichte zu verstehen.

Willy erzählte weiter, dass er Warmshowers erst vor rund zwei Jahren durch Zufall kennenlernte, als er mal wieder einen Radreisenden im vorbeifahren anbot bei ihm zu nächtigen.

Auch seine Zurückhaltung war keinesweg Desinteresse, sondern dem Fakt geschuldet, dass er, wenn er selbst Radreisen unternahm, gerne mehr als 200km täglich fuhr. Nach solchen Etappen möchte er dann nur etwas essen und ist meist einfach zu müde um sich noch auf seine Gastgeber zu konzentrieren. So hatte er sich angewöhnt seinen Gästen lediglich seine zwei Hausregeln zu erklären und ihnen sonst jedwegigen Freiraum zu lassen.

Ein Abschied in Freundschaft

Am nächsten morgen waren wir alle ziemlich verkatert. Nachdem Willy von der Arbeit zurück kam, erklärte er uns noch wie man am besten an die Küste gelangt. Ich erzählte ihm was alles in den letzten Tagen in meinem Kopf vor sich gegangen war und wir lachten herzlich. Schnell machten wir noch einige Fotos und schon musste der arme verkaterte Willy zum Flughafen.Für mich war dies eine sehr eindrucksvolle Begegnung. Insbesonders die Dinge, die in meinen Kopf in den Tagen bei Willy vor sich gingen beschäftigen mich noch weitaus länger. Daher habe ich mir vorgenommen, spätestens in Buenos Aires einen Spanisch-Kurs zu besuchen und bis dann mein Spanisch mit Hilfe von Sarah etwas zu verbessern.

 

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